Helden und Vorbilder
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Helden auf Papier

Große und kleine Vorbilder, heroische Gestalten und die Helden von nebenan – überall verfolgen sie uns. Ideengeber Gustav hat in Erfahrung gebracht, wie Comic-Zeichner ihre Helden aufs Papier bringen.

Text & Fotos: Gustav Beyer

Auf dieser Leipziger Buchmesse wird mir schnell klar: Längst hat nicht mehr jeder Manga-Held übersinnliche Superkräfte, ein Laserschwert oder Tentakeln am Körper. Die neuen Helden sind die Helden des Alltags. Dabei nutzen hier nur wenige das altbackene Klischee „Vom Tellerwäscher zum Millionär“, sondern zeigen eher, wie heldenhaft oder vorbildlich die Charaktere in der alltäglichen Realität sein können – ohne abzuheben oder ihre Realität zu verlassen.


Anni Abstract und die Weltverbesserer

Anne Rauschert

Anne Rauschert – Künstlername: Anni Abstract – zeichnet Menschen in Alltagssituationen. Es muss nicht dein Alltag sein oder meiner, doch ihre Inspiration holt sich Anni aus dem Naheliegenden. Auf die Frage, ob ihre Charaktere normal seien, fragt sie zurück: „Was heißt denn normal?“


Anne lässt einfließen, was in ihrer eigenen Persönlichkeit steckt. „Ich habe eine Familie aufgebaut. Emil und Bianca sind Geschwister mit Migrationshintergrund. Sie setzen sich für Menschenrechte und Gleichberechtigung ein. Ich möchte sie als Helden darstellen. Wer sich engagiert und für Menschen einsetzt, ist immer ein Held – ob mit oder ohne Superkräfte. Politisch mitzusprechen ist keinesfalls selbstverständlich“, erklärt mir die Comic-Zeichnerin. Es gibt wahnsinnig viele berühmte Leute, die sich für andere einsetzen und Anni beeindrucken. „Ich habe also unzählige Vorbilder. Leonardo di Caprio ist einer von diesen Weltverbesserern, die mich inspirieren!“


Und ihre Charaktere? Bianca ist die große Schwester von Emil – und benimmt sich auch so! Sie ist für andere da, man kann auf sie zählen und sie sagt offen, was sie denkt. Emil ist ihr kleiner Bruder. Er ist eher zurückhaltend, dafür online mehr präsent – wie viele von uns. „Im Internet werden manche Heldentaten erst möglich“, erklärt Anne. „Wir können uns dort viel besser austauschen, vernetzen und organisieren.“


SlippedDee und freie Männerbeziehungen

Einen Stand weiter blättert Dagmar Wyka alias SlippedDee aus Wien in ihrem Comic-Debüt „Big Blind“. Sie zeichnet darin die wahre Geschichte über zwei Männer. Einer ist ehemaliger Balletttänzer; längst in Rente geschickt worden, weil er zu alt zum Tanzen ist. Heute lehrt er andere im Tanzen. In seine Schule kommt ein kleiner Junge, dessen Vater das Konzept der Schule zunächst skeptisch erscheint. Doch als der Vater den Lehrer kennenlernt und sich in ihn verliebt, ändert er seine Meinung.

 

„Was ich von Lesern gehört habe, ist, dass die Beziehungen, die ich darstelle, eine gesunde Basis haben. Sie verhalten sich sozial korrekt“, erzählt mir Dagmar stolz. „Das hat doch einen Vorbildcharakter!“ Dagmar ist selbst ein Vorbild. Sie nutzt ihre Kreativität, um politisch mal was geradezurücken: „Ich kämpfe dafür, dass Beziehungen zwischen Mann und Mann als normal angesehen werden. Das möchte ich in den Comics darstellen, dass es da deswegen keine Konflikte gibt.“

Dagmar hat ein Jahr an ihrem ersten Werk gesessen. „In der Realität oder in der Schule wurde das nie zum Thema gemacht. Ich bin Ideale gewohnt, aber habe nie über Homosexualität nachgedacht.“ Die Geschichte ist erstmal abgeschlossen, fügt sich aber in eine größere Hauptgeschichte ein, „auf die ihr sehr gespannt sein könnt!“


Noel Eto und ein Schinken als Held

 

Am Stand von Noel Eto fällt mir zunächst die Zeichnung eines Schinken auf. „Der Schinken ist mein persönlicher Alltagsheld“, sagt Noel. Hö? „Der Schinken bringt Menschen zum Lachen. Viele, die hier vorbeikommen, bleiben stehen und kommen mit mir ins Gespräch.“ Die Charaktere seines nächsten Werks werden in einer anderen Welt reisen. Mehr wird noch nicht verraten. Außer: In dieser Welt wird etwas Schlimmes passieren.

„Meine drei Helden ebnen den Weg für andere, die es leichter haben sollen.“ Ohne jetzt zu viel auszuplaudern, verrät mir Noel noch, dass sie nicht zu Superhelden à la Superman mutieren, sondern sich unseren Gegebenheiten anpassen. Ein bisschen Magie gibt es immer. Doch was passiert, wenn Magie auf unsere Welt einwirkt? „Die Welt ist nicht darauf vorbereitet, meine Helden schon. Der kleine Vorsprung wird ihnen helfen, alles Schlimme unter Kontrolle zu bringen.“

Vor fünf Jahren hat Noel angefangen, „so richtig“ zu zeichnen, mit Grafiktablett und Enthusiasmus, ein leidenschaftliches Hobby. Noel ist einer, der nicht aufgibt. Von ihm werden wir noch etwas mitbekommen. „Auf jeden Fall will ich in Zukunft auch die Vegetarier glücklich machen – und zu den Schinken vielleicht noch einen Brokkoli ergänzen!“


Die Welt steckt voller Alltagshelden und Vorbilder. Tausende Geschichten erzählen von kleinen und großen Taten, die sie ein bisschen besser werden lassen. Auf der Leipziger Buchmesse haben die Geschichten gar nicht mehr aufgehört. Es tut gut, sich auch neuen Helden abseits des Mainstreams zu widmen – und einen Blick für besondere Kräfte zu entwickeln.


Auch der Wettbewerb jugend creativ beschäftigt sich mit dem Thema. Wer sagt, ihr sollt die Heldengeschichten nur konsumieren? Die drei Talente von der Buchmesse machen es vor: Mit einfachen Mitteln, aber viel Motivation, schafft jeder seine eigenen Helden – ob als Comic, Manga oder Epos.
 


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