Erfindungen

Erfinderische Künstler

Leonardo Da Vinci und Ernest Meissonier - die beiden Künstler trennen zwar über drei Jahrhunderte, doch eine Eigenschaft haben sie gemeinsam: Erfindergeist. Dabei leben sie dieses Talent ganz unterschiedlich aus und nutzen es jeweils individuell. Spätere Entwicklungen, wie die Bewegungsstudien des britischen Fotografen Eadweard Muybridge, halfen schließlich ebenfalls, offene Fragen der Kunst zu klären und dienten anderen Künstlerkollegen als weitere Inspirationsquelle.

Der unvergleichliche Meister
Eine in der Kunstgeschichte einzigartige und herausragende Persönlichkeit stellt ohne Zweifel der 1452 in einem kleinen italienischen Dorf geborene Leonardo da Vinci dar. Als unehelich geborenes Kind mit Schwierigkeiten beim Lernen standen die ersten Jahre seines Lebens erst einmal nicht unter dem besten Stern. Doch er hatte künstlerisches Talent und einen unglaublich reichen Erfindergeist. Heute hängen die Gemälde des Renaissancekünstlers, wie die berühmte Mona Lisa, in den großen Museen der Welt und sind unbezahlbar wertvoll. Im November letzten Jahres wurde ein Gemälde für den schwindelerregenden Preis von unfassbaren 450 Millionen Dollar versteigert, dass dem Universalgenie erst seit wenigen Jahren zugeschrieben wird.
 

Kriegerische Zeiten
Seine Schöpferkraft erstreckte sich dabei neben der Kunst auch auf praktische Anwendungen. Da Vinci lebte in einer Zeit, in der die italienischen Stadtstaaten viele Kriege untereinander führten. Deswegen verlangte da Vincis Förderer, der Mailänder Herzog Ludovico Sforza, von ihm auch, Kriegswaffen und Verteidigungssysteme zu entwickeln. Visionär wie der Künstler war, wandte er sich dabei von mittelalterlichen, oft starren, Konstruktionen ab und fertigte stattdessen Feuerwaffen und kleine, bewegliche Geschütze. Ein solches Gerät kennen wir heute unter dem Namen Panzer. Da Vinci entwarf nämlich ein Gefährt auf vier Rädern, das mit einer kuppelartigen Überdachung ausgestattet war und mit einer Besatzung von acht Mann bewegt wurde. Gleichzeitig waren kreisrund 16 leichte Geschütze angebracht, mit denen es in alle Richtungen feuern konnte. Weitere Kriegsgeräte aus des Meisters Hand waren unter anderem ein Taucheranzug, eine Art Vorläufer des heutigen Maschinengewehrs und einen spitz zulaufender Fallschirm. Für seinen Auftraggeber Sforza waren all diese Geräte wohl ein bisschen zu abenteuerlich. Es ist wenig wahrscheinlich, dass er da Vincis Erfindungen wirklich auf seine Schlachtfelder schickte.
 

Akribische Detailkunst und die Frage um das Pferd
Der Maler Ernest Meissonier ist heute deutlich unbekannter als sein italienischer Berufskollege, obwohl er seinerzeit einer der berühmtesten Künstler Frankreichs war. Ruhm brachte ihm vor allem seine extrem akribische Detail- und Realitätsversessenheit, weswegen seine Werke oft nur von kleinem Format waren. Nicht jedoch das Historiengemälde „1807, Friedland“, mit dem er 1861 begann und das über 1,35 auf 2,40 Meter misst. Fast 15 Jahre arbeitete Meissonier daran. Es zeigt einen der größten Siege Napoleons über die russischen Truppen nahe der damals ostpreußischen Stadt Friedland, heute Kaliningrad. Der Feinmaler Meissonier fertigte hunderte Studien und kleine Modelle an und kaufte sogar ein Weizenfeld, dass er von Soldaten auf Pferden niedertrampeln ließ, um den Effekt der umgeknickten Halme wirklichkeitsgetreu wiederzugeben.

Ein Detail bereitete ihm aber besondere Kopfschmerzen: Wie ist die anatomisch korrekte Beinstellung eines Pferdes, wenn es galoppiert? Für das bloße Auge ist die Bewegung des Tieres viel zu schnell und nicht erfassbar. Meissonier ließ daher auf seinem Anwesen Schienen verlegen, auf denen ein Wagen auf und ab geschoben werden konnte. Der Künstler thronte darauf, während ein Reiter zu Pferde parallel dazu galoppierte. Meissonier füllte Skizzenbuch um Skizzenbuch, doch es sollte noch gut zehn Jahre dauern, bis eine weitere – professionellere und erfolgreichere – Erfindung die Frage endgültig klären konnte. Für den Verkauf seines Werk war das hingegen gar nicht so wichtig: ein amerikanischer Kaufhausbesitzer zahlte die damals astronomisch hohe Summe von 60.000 Dollar. Gesehen hatte er das Gemälde davor übrigens nicht ein einziges Mal.
 

Fliegt das Pferd oder fliegt es nicht?
Die Frage, ob das galoppierende Pferd einen Moment alle vier Beine gleichzeitig in der Luft hat, also „fliegt“, beschäftigte nicht nur Künstler, sondern auch Wissenschaftler und Fotografen. Jahrhundertelang malten Künstler das Tier beispielsweise in Schaukelpferdmanier, also indem es alle Beine weit von sich gestreckt hat. Der britische Fotograf Eadweard Muybridge wollte die Frage endgültig lösen und so baute er auf dem Gelände seines Sponsors eine komplizierte Anlage von zwölf Kameras auf, wobei Drähte über eine Rennbahn gespannt wurden, die dann vom vorbeirennenden Pferd die damit verbundenen Kameras auslösten. Er hatte zuvor die Belichtungszeit der Kamera extrem verkürzt, sodass nun präzisere Aufnahmen der schnellen Tiere möglich waren. Und siehe da: Es gibt eine Phase in der das Pferd alle Beine gleichzeitig in der Luft hat, sie sind dabei aber nicht weit von sich gestreckt. Das Pferd, es „fliegt“ also tatsächlich. Die weltweit gefeierten Entdeckungen des Fotografen stießen auch bei Künstlern auf großes Interesse: Während einer Vortragstour in Paris traf Muybridge nicht nur den französischen Fotopionier Nadar, sondern auch Ernest Meissonier persönlich. Dessen Zeitgenosse Edgar Degas oder der 1992 gestorbene Künstler Francis Bacon gaben ebenfalls Muybridges Bewegungsstudien als Inspirationsquellen an.
 

Leonardo da Vinci blieb zeitlebens der Ruhm für seine Erfindungen versagt, er ist bis heute vor allem für seine außergewöhnliche Kunst berühmt. Doch wie auch Meissonier versuchte er, mit seinen Erfindungen konkrete Probleme anzugehen und zu lösen. Und auch wenn ihre Überlegungen und Konstruktionen vielleicht nicht Geschichte geschrieben haben und andere Erfinder wie Eadweard Muybridge die Geräte zur Marktreife entwickelten, sind sie doch ein Beweis für die spannende Verbindung von künstlerischem und erfinderischem Entwicklungsgeist.
 

Text: Anita Schedler


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